Schnauze! Jetzt bin ich mal am Wort, ob es dir passt oder nicht! Es gibt so richtig undankbare Jobs, man hat die ganze Arbeit und wird dafür auch noch gehasst, da darf ich doch wohl noch die paar Minuten reden! Nochmals von vorne. Ich sprach von der Arbeit und dass man uns hasst. Die anderen bekommen das Geld, die Frauen (oder Männer), die Gunst des Lesers sowieso und bei Verfilmungen werden sie mit dem aktuellen Hollywood-Beau besetzt. Wir Schurken bleiben übrig. Wir fallen der poetischen Gerechtigkeit zum Opfer. Und trotzdem würde dein Roman ohne uns Antagonisten nie funktionieren. Und deshalb sage ich dir jetzt einmal ein paar überfällige Wahrheiten, und du hörst mir besser zu.

1. Ich bin der große Verhinderer

Ja, ich weiß, dass du lieber weghören willst, schon überhaupt, wenn dir jemand mit einem Befehl kommt. Aber weißt du auch, wie sehr mich das kratzt? Menschen wollen viel, Helden vor allem, und du fühlst dich jetzt bestimmt als Held, du Autor, du. Aber ich bin dir um etliche Schritte voraus, denn seit mich Leute deiner Zunft ins Leben gerufen haben, habe ich nur einen Job: Ich versalze den Helden die Suppe. Jawohl, erst versalze ich sie, dann spucke ich hinein, und das seit mehreren tausend Jahren. Glaub mir, darin, die Herren und Damen Helden am Erreichen ihrer Ziele zu hindern, habe ich einige Übung. Was nicht heißt, dass ich immer Erfolg habe, aber man darf es ja wohl mal versuchen!

2. Ich mache das nicht aus Spaß!

Sei so freundlich und sag das mal deinen Kollegen, denn ein paar von euch haben das immer noch nicht begriffen. Glaubst du, wir sind böse nur so aus Jux und Tollerei? Ein paar von uns vielleicht, das sind aber die echten Psychopathen und richtig arme Schweine. Aber das, was manche Autoren uns da andichten, ich bitte dich, das glaubst du doch selbst nicht! Wohl zu viel Walt Disney gelesen oder irgendwelche Superhelden-Comics. Wir haben unsere Gründe, werter Herr oder werte Frau Autor! Wenn du uns schon vor deinen Lesern runter machst, dann zeig ihnen doch wenigstens, dass wir genauso viel zu verlieren haben, wie deine schicken Helden.

3. Für mich steht was auf dem Spiel!

Ja, jetzt schaust du blöd, daran hast du wohl nicht gedacht. Überraschung! Nicht nur deine Helden haben Wünsche. Auch unsereins hat Pläne und Ziele, und wenn wir dem Helden in die Quere kommen, ist das nicht unsere Schuld. Was muss er auch Sehnsüchte haben, die sich mit unseren nicht vertragen? Du merkst schon, jede Medaille hat zwei Seiten. Also dreh sie mal gelegentlich um und finde heraus, warum ich und meine Genossen so handeln müssen wie wir es tun. Frag dich mal, was wir gewinnen wollen und was das für uns bedeutet, wenn wir unsere Ziele verfehlen.

4. Um gleiche Chancen will ich doch sehr bitten!

Wie stellst du dir das eigentlich vor? Man erwartet von uns, dass wir den Helden das Leben schwer machen, und dann lässt du uns mit Stöcken gegen Maschinengewehre und Panzer kämpfen? Klappe! Ich weiß schon, dass du deinen Helden lieber hast als mich, aber wenn du willst, dass das deinen Lesern auch so geht, dann zeig deinen Helden als Mann oder Frau (es gibt ja auch durchaus Damen, die etwas auf dem Kasten haben) mit Mumm. Und nicht als Weichei mit dem Waffenarsenal einer Großmacht. Wenn wir unseren Job machen sollen und die Spannung bis zur letzten Seite halten, dann müssen wir den Helden ebenbürtig sein.

5. Wenn du so viel von deinem Helden hältst, dann mach mich doch stärker als ihn!

Schon mal vom David-Goliath-Mythos gehört? Ich sag’s ja nicht gerne, aber Leser stehen auf diese Winzlinge. Nein, keine Zwerge und auch nicht zwangsläufig Underdogs, schreib von mir aus deinen Strahlemann. Aber wenn ich dir mal einen heißen Tipp geben darf: Deine Leser wollen, dass sich Mister Strahlemann abrackert. Und das kann er nur, wenn ich ihm ziemlich lange eine Nasenlänge voraus bin. Mach mich zum Goliath, ich bin Kummer gewohnt. Und wir wissen doch eh beide, wie es ausgehen wird.

6. Im Gegensatz zu dir halten die Großen von uns Hass aus

Keine Angst, wir ziehen den Schwanz nicht ein. Ich meine, so eine geballte Ladung an Leser-Missgunst abzubekommen, ist kein Honiglecken, aber wir landen deshalb schon nicht in der Klapsmühle. Gehört zum Jobprofil, einer muss ja die Drecksarbeit machen. Ich bin lieber ein richtig großer Schurke als so ein Schmalspurganove, da hat man wenigstens einen Status. Also tu dir keinen Zwang an.

7. Manche von uns sind richtig eitel, aber dafür auch richtig gut

Von uns Antagonisten träumt jeder davon, ein charismatischer Bösewicht sein zu dürfen. Das ist die Königsdisziplin, der Größte unter den Großen. Wir wollen uns auch mal in der Bewunderung suhlen, für unsere dreihundert Seiten Ruhm nehmen wir doch gerne in Kauf, dass uns dein Held schließlich zur Strecke bringt. Wenn es sein muss auch qualvoll, aber bitte unbedingt mit Respekt. Wir sind die Gentlemen-Schurken und die starken Charaktere. Wir pfeifen auf die Hollywood-Schönlinge, um uns zu spielen, setzen Charakterdarsteller alle Hebel in Bewegung! Kein Wunder, für uns bekommt man durchaus einen Oscar.

8. Du würdest staunen, wie wandelbar einige von uns sind

Ich gehöre ja eher zur direkten Sorte, ich sage gerne, was Sache ist, und zum Charismatiker habe ich durchaus das Zeug. Aber einer Fraktion unter uns zolle ich meine höchste Achtung. Ehrlich, einen zerrissenen Schurken kann nicht jeder geben. So eine gequälte Seele, die wider ihren Willen böse ist. Ha, und du hast geglaubt, nur Helden haben innere Konflikte! Kriegst du das hin? Keinen schizophrenen Geisteskranken, sondern einen, der zwischen Gut und Böse schwankt? Der in vollem Bewusstsein durch die Hölle geht und sich für das Böse entscheiden muss?

9. In diesem Fall streiken wir. Bedingunslos.

Wenn du uns mickrig sein lässt und wir ausschließlich mit deiner Verachtung und mit der Verachtung deiner Leser rechnen dürfen, sorry, da spielen wir nicht mit. Kein Antagonist, der etwas auf sich hält, gibt sich für so etwas her. Na gut, irgendwelche Streikbrecher wirst du schon finden, wenn du unbedingt einen schlechten Trivialroman schreiben willst, aber die haben es nicht anders verdient. Die werden nicht vom Helden zur Strecke gebracht, sondern von der gähnenden Langeweile deiner Leser.

10. Zur Not schlüpfen wir voller Selbstaufgabe in den Bauch des Helden

Ok, einen Kompromiss gehe ich ein. Wenn du so einen Micker-Antagonisten hast, dann verleugne ich mich selbst und peppe wenigstens deinen Helden auf. Dann schlüpfe ich in deinen Protagonisten hinein und sorge für einen handfesten inneren Konflikt. Das ist deine einzige Chance, deinen Roman zu retten. Das mache ich aber nur, wenn du empathisch bist und psychologisch so einiges drauf hast und mir den Helden entsprechend gestaltest. Wenn ich inkognito arbeite, will ich wenigstens einen Erfolg sehen.

11. Und wenn du mir auf den Geist gehst, kannst du mich nicht mehr packen

Dann kann mir auch dein Held als Aufenthaltsort gestohlen bleiben. Wenn du mich nicht Mensch sein lässt (oder zur Not auch irgendso eines dieser momentan gehypten Fabelwesen – unsereins steht dir selbstverständlich auch für Fantasy oder SciFi zur Verfügung), und du von inneren Konflikten deines Helden nichts hältst, dann mache ich eben auf philosophisch, um meinen Job zu erfüllen. Ich spiele dir eine bedrohliche Krankheit. Oder Wahnsinn. Oder Krieg. Oder irgendwas anderes Abstraktes. Obwohl wir noch sehen werden, ob du nicht doch einen meiner Kollegen zu Hilfe rufst und einen zusätzlichen menschlichen Bösewicht oder einen inneren Konflikt einführst.

12. Du tust gut daran, meine Schwächen herauszufinden

Ich bin ja nicht blöd, ich weiß, dass du mich in deinem Roman zur Strecke bringen wirst. Aber tu dir und mir einen Gefallen und mach das auf glaubwürdige Art. Zufälle sind meiner nicht würdig, ich will einen ordentlichen Showdown mit deinem Helden. Das ist das Mindeste, was du für mich tun kannst. Für deinen Leser übrigens auch. Also mach dir die Mühe und überlege, wie dein heiß geliebter Held mich besiegen kann indem er meine Schwäche nützt. Und nein, die werde ich dir jetzt nicht sagen. Ich habe dir ohnehin schon viel zu viel verraten.

 

Nachdem der Gewerkschaftsführer der Antagonisten so freundlich war, mir die Bühne wieder zu überlassen, findest du mich sehr nachdenklich. Das war starker Tobak, aber wahrscheinlich hat er nicht einmal so unrecht. Ich werde mir jedenfalls meine Antagonisten in Zukunft ganz genau unter die Lupe nehmen. Du auch?

Viel Spaß beim Schreiben!

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