Gesichter auszudenken und zu beschreiben gehört wahrscheinlich für viele Autoren zum lustvollsten Teil der Figurengestaltung. Da hast du endlich einmal die Chance, dir deinen Traummann zurechtzuzimmern, dein ganz persönliches Schönheitsideal unter die Leute zu bringen oder gar dein eigenes Abbild in deinen Roman zu schreiben. Du bombardierst deine Leser mit optischen Eindrücken. Aber tust du ihnen damit etwas Gutes? Hilfst du damit dir und deinem Roman? Oder gibt es vielleicht auch beim Beschreiben von Gesichtern so einiges zu beachten?

Aussehen ist nicht alles

Ja, ich weiß, ich habe dir oft genug empfohlen, deinen Lesern sinnliche Informationen zu liefern, und die meisten von uns sind nun einmal Augen-Tiere. Auch mir ist Aussehen wichtig und gerade bei meinen Helden unterliege ich der Versuchung, etwas mehr als nötig zu schreiben. Seltsamerweise dreht sich das bei Nebenfiguren um, bei manchen müsste ich selbst erst nachdenken, wie ich ihr Gesicht zeichne.

Muss der Leser wissen, wie eine Figur aussieht, damit sie funktioniert? Macht das Erscheinungsbild die Figur überhaupt aus? Stelle dir diese Frage ernsthaft für jede einzelne Figur. Für manche Figuren ist wichtig, ob sie schön oder hässlich sind, weil es beeinflusst, wie ihnen andere Figuren begegnen. Ob sie es im Leben leicht oder schwer haben. Wenn das Gesicht eine Stärke, eine Waffe oder eine Bürde ist, dann musst du es zeigen. Wenn das Aussehen für die Motivationen der Figur und für die Handlung nebensächlich sind, verschwende nicht zu viel Energie und Lesergeduld darauf.

Lesergeduld? Hast du gerade richtig gelesen?

Ja, hast du. Denn auch bei der Beschreibung eines Gesichts gibt es so etwas wie Infodumping. Wie viele optische Informationen nimmst du auf, wenn du einen Menschen das erste Mal siehst? Du wirfst gerade mal einen Blick auf eine Person und machst dir ein Bild, und genauso macht es auch dein Leser. Der will ein, zwei wesentliche Informationen, aber keine komplette Liste.

Was also fällt einem bei der Begegnung mit einer Figur zuerst auf? Entscheide dich für ein, maximal zwei Details und auf die lenke den Blick. Wenn du dir nicht sicher bist, welches das herausstechende Merkmal ist, dann frage deine Testleser. Manchmal erlebst du dabei auch eine Überraschung – ich wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, dass einer meiner männlichen Testleser meinen Helden in erster Linie mit seinem glänzenden schwarzen Haar assoziiert. Ich hätte eher auf die Augen getippt.

Fühlen ist oft besser als sehen

Das mag in einem Beitrag über das Beschreiben von Gesichtern paradox klingen, ist es aber nicht. Gerade bei deinen Hauptfiguren ist es wichtig, dass du ganz in ihnen lebst, denn in sie wollen auch die Leser hineinschlüpfen. Das Gesicht brauchen sie dafür nur als Eckpunkt, wie einen Steckbrief. Haben die Figuren faszinierende Augen, werden sie vor allem durch ausdrucksstarke Blicke kommunizieren. Haben sie einen sinnlichen Mund, werden sie ihn einsetzen. Aber sie werden nicht ständig darüber reden, dass sie weiche, feingeschwungene Lippen haben.

Dieser Unterschied ist vor allem dann wichtig, wenn du aus der Perspektive einer Figur schreibst. Gehst du durch dein Leben und beschreibst dir ständig dein eigenes Gesicht? Betest du dir vor, dass dein Nasenrücken gerade ist, bezeichnest du deine Augen bei jeder Gelegenheit als schön? Das ist auch ein guter Prüfstein für überflüssige Adjektive und ein hervorragendes Rezept zum Entkitschen von Texten.

Es muss nicht immer der Spiegel sein

Da wir gerade bei der Perspektive sind: Wie beschreibst du das Aussehen einer Figur, wenn du in ihrer Perspektive bist? Deine Figur in einen Spiegel oder einen See blicken lassen, ist nicht gerade innovativ. Nachdem du die wichtigste Frage, nämlich ist das Aussehen wichtig, mit ja beantwortet hast, dann versuche, das Gesicht in Handlung zu übersetzen. Körperpflege eignet sich dazu wunderbar. Die hohen Wangenknochen oder ein viel zu rundes Gesicht kann man beim Abschminken spüren. Weil man die perfekt geschwungenen Augenbrauen ständig nachzupfen muss, können Tränen rinnen. Das Problem zu dünner Haare kann man sich täglich beim Flechten der Zöpfe in Erinnerung rufen, oder man muss beim Binden des Pferdeschwanzes den Gummiring fünfmal herumschlingen bis er endlich hält. Hast du schon einmal das Gewicht von langem, dichten Haar auf deinem Rücken gespürt?

Es geht aber auch indirekt, über andere Figuren und Dialoge. Über eine Narbe oder ein Muttermal kann man sich mit dem Liebhaber oder der Geliebten unterhalten, die können auch Lippenkonturen mit dem Finger nachzeichnen oder sich über einen kratzenden Bart beschweren. Vielleicht wird deine Figur zufällig Zeuge einer Unterhaltung, dass man mit solch einer Stupsnase einfach nur ein Schelm sein kann, dass die Knollennase von den viel zu kleinen Augen ablenkt – ach, der Arme! – oder dass jemand mit diesem gekrümmten Zinken so verschlagen aussieht, wie er ist. Möglicherweise wirft auch ein weniger taktvoller Zeitgenosse deiner Figur ins Gesicht, dass sie sich lieber mal kämmen sollte, dass ihr lange Haare einfach nicht stehen oder der Friseur schon überfällig ist.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Hollywood und Hochglanzmagazine trimmen uns darauf, dass wichtige Menschen schön sind, und so viele attraktive Leute wie in Filmen oder Fernsehserien findet man in der Realität höchst selten auf einem Fleck. Die Verlockung ist groß, auch in deinen Roman lauter schöne Figuren zu schreiben. Doch was ist schön? Diese Frage wird dir jeder anders beantworten und du kannst dem Leser dein Schönheitsideal nicht aufzwingen. Ich färbe zum Beispiel Haare beim Lesen ruckzuck um, wenn sie mir nicht gefallen.

Gib deinen Lesern Spielraum, sich die Figuren ihren eigenen Vorlieben gemäß schön zu denken. Und schon sind wir wieder beim Wichtigen, bei dem, was deine Figur tatsächlich ausmacht. Nur diese Einzelheiten verankere, notfalls durch Wiederholungen, noch besser aber indem du diese Einzelheiten mit der Handlung verknüpfst. Reine Dekoration kann man austauschen, ein echtes Merkmal oder ein Handlungselement nicht. Wenn eine hässliche Narbe eine entscheidende Rolle spielt, kann man sie nicht ausblenden.

Mache deine Figuren nicht schön sondern interessant

Ist ein Model schön? In den meisten Fällen ja. Wirst du dir sein Gesicht merken? Nur selten, Topmodels einmal ausgenommen. Verlasse dich nicht auf das Aussehen deiner Figuren, Schönheit ist Massenware geworden und nur zu oft austauschbar. Das liegt an der Norm, am Klischee. Wir wissen mittlerweile, was schön zu sein hat und erwarten es. Ein achtlos hingeworfenes, markantes Kinn ist in der Unterhaltungswelt nichts Außergewöhnliches mehr, blonde Locken und blaue Augen auch nicht. Ich kann schon nichts mehr von mandelförmigen Augen lesen.

Versteh mich nicht falsch, ich mag gemeißelte Gesichtszüge. Ich stehe auf dunkles Haar und faszinierende Augen und ich will dich keineswegs davon abhalten, sie zu schreiben. Ich schreibe sie selbst, und wenn tausend Lektoren »Klischee!« rufen. Entscheidend ist, wie du es tust. Man muss nicht hässlich sein, um als Topmodel aus der Masse herauszustechen oder sich als Charakterdarsteller vom Einheitsbrei abzuheben. Aber man muss das gewisse Etwas haben. Im Roman und an Romanfiguren suchen wir das Besondere, das wollen Leser sehen.

Zeige das Abweichende von der Norm. Das kann auch bedeuten, dass du etwas Klischeehaftes zu etwas Außergewöhnlichem stilisierst. Wie schwarze Haare, sinnliche Lippen oder intensive Augen. Wie du das technisch löst, zeige ich dir demnächst im zweiten Teil.

Bis dahin, viel Spaß beim Schreiben!

Deine Barbara

 

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