Ist dein Held glücklich? – So schreibst du Glück

Wie geht es dir beim Schreiben mit abstrakten Begriffen? Mit Glück zum Beispiel? Das sind große, supertolle Schlagwörter, und ich gönne dir und deinen Figuren auch alles Glück der Welt. Aber was heißt Glück überhaupt? Stelle ich mir beim Lesen dasselbe darunter vor wie du beim Schreiben? Und damit sind wir schon auf dem Punkt. Show, don’t tell. Ja, das ist ein alter Hut, aber er gilt ganz besonders da, wo abstrakte Gefühle im Spiel sind.

Jeder ist anders – Glück auch

Vergiss alle landläufigen Definitionen von Glück. Glück ist vielfältig, es kann an Liebe gekoppelt sein. An romantische Liebe, an Liebe zu einem Kind, zu den Eltern, der besten Freundin, einem Hund, einem Land. Vielleicht hat es aber auch gar nichts mit Liebe zu tun, vielleicht ist es die Begeisterung für einen Job, für eine Tätigkeit, für Unabhängigkeit. Glücklich kann man sein, wenn man zwanzig Kilo abgenommen hat, wenn man in den ersten eigenen BMW steigt oder wenn man unter Milliarden von Sternen spaziert. Glück ist ein Seelenzustand, der für jeden durch etwas anderes hervorgerufen wird.

Tauche daher ganz tief in deine Figuren ein. Jetzt musst du ein bisschen schizophren sein, denn jede Figur tickt anders. Die erste Frage lautet daher:

Damit bist du bei ihren Sehnsüchten. Die hat übrigens nicht nur der Held, sondern auch der Gegenspieler, der Mentor, die Mutter der Kommissarin, die Zicke im Fitnesscenter und der Ausbeuter im Chefbüro. Ja selbst der Vamp, der sich an alle Männer ranschmeißt, und der Serienmörder. Ist der korrupte Politiker möglicherweise deshalb korrupt, weil er Glück in der Macht erfährt?

Wenn du weißt, was deine Figuren unbedingt wollen, wofür sie Grenzen überschreiten, dann bist du ihrem Glück bereits auf der Spur.

Wie erlebt eine Figur Glück?

Du kennst also das Kernbedürfnis deiner Figur. Jetzt nimm an, dass sie am Ziel ihrer Träume anlangt, ihr Wunsch hat sich soeben erfüllt. Der Politiker wird zum Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt oder zum Bundeskanzler, doch was genau fühlt er dabei? Genugtuung, Triumph oder Erleichterung? Ist er voll Energie und Tatendrang oder löst sich jetzt die Anspannung der letzten Monate? Erfüllt ihn tiefe Zuneigung zu seiner Frau, die hinter ihm steht, denkt er dabei an seinen Vater, dem er nie gut genug war, wallt trotziger Hass gegen seine Lehrer hoch, die ihm nie etwas zutrauten? Oder ist er voll und ganz bei sich, genügt sich selbst und strotzt vor Kraft?

Die Art, Glück zu fühlen, muss zum Charakter der Figur passen, und wenn du es richtig machst, wird sie von deinen eigenen Glücksgefühlen ziemlich abweichen. Schlüpfe in die Figur und zelebriere ihren glücklichen Moment!

Von innen nach außen

Du fühlst das Glück? Perfekt! Das Gefährlichste, das du jetzt machen kannst, ist, dieses Gefühl zu behaupten. Bitte versuche es ohne Gedankenrede, ohne inneren Monolog und auf jeden Fall ohne die banale Feststellung »er war so glücklich«. Mach das Glück sinnlich wahrnehmbar und erlebbar!

Achte auf die körperlichen Reaktionen deiner Figur! Reißt der Politiker kämpferisch die Faust in die Höhe, leuchten seine Augen oder macht sich ein stilles, warmes Gefühl in seinem Bauch breit? Kann er die Sohlen nur mit Mühe auf dem Boden halten, weil alles in ihm dazu drängt, in die Luft zu springen?

Bekommt die Fitnessstudio-Zicke auf einmal weiche Knie, weil der scharfe Typ am Reck ihr nach seinen Klimmzügen das erste Mal zugelächelt hat? Weitet sich ihre Brust um gefühlte tausend Liter, fliegt ein ganzer Schmetterlingsschwarm in ihrem Magen oder redet sie auf einmal doppelt schnell und um eine Oktave höher? Tänzelt sie über das Laufband wie ein junges Fohlen und fühlt dabei ihren Pferdeschwanz wippen? Oder verschwindet die Zicke komplett und das schüchterne Mädchen kommt zum Vorschein, mit roten Wangen und einem seligen Lächeln?

Glück ist die Stunde der Wahrheit

In der Regel freuen wir uns mit anderen Menschen mit, wenn wir spüren, wie aufrichtig deren Glücksgefühl ist. Wenn wir eben dieses Leuchten in den Augen sehen, wenn ein Mensch sein Herz im Gesicht trägt. Bei Figuren ist das genauso. Zeige den schlimmsten Bösewicht in einem privaten, glücklichen Moment, ganz offen und unschuldig, und du wirst in diesem Augenblick Sympathie für ihn ernten. Voraussetzung dafür ist, dass der Leser den Glückszustand nicht nur als Information aufnimmt sondern das Glück selbst spürt.

Gerade weil man im Glückszustand unverstellt ist, ist Glück Charaktersache. Die triumphierende Geste des Politikers können wir nachvollziehen, der hasserfüllte Blick auf seinen geschlagenen Widersacher stempelt ihn jedoch zum Schurken ab und wir hoffen auf seinen Sturz.

Der Ausdruck von Glück muss zur Figur passen, was die Figur im Glück von sich verrät, zu deiner Strategie.

Ist die Figur ihres Glückes Schmied?

Wie kommt die Figur überhaupt in den Glückszustand? Auch das ist Charaktersache. Wenn eine Figur ihr Glück selbst in die Hand nimmt, wenn sie aktiv daran arbeitet, freust du dich doch ganz anders mit ihr, als wenn sie passiv ist und ihr alles in den Schoß fällt. Gut, manche mögen die sanften Weibchen, die so liiiiiieeeeb sind, dass man ihnen jedes Glück der Welt gönnt. Manche identifizieren sich mit dem Underdog, der vom Schicksal geprügelt wird, und wünschen ihm wenigstens ein bisschen Glück.

Verwechsle aber bitte nicht Sanftheit oder Benachteiligung mit Passivität. Eine passive Figur verdient kein Glück, nicht im Roman.

Glück fühlen ist toll, Glück haben unbefriedigend

Wie und wodurch deine Figuren ihr Glück herbeiführen, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie es tun. Dass sie Hindernisse überwinden, dass wir sie beim Glücklichwerden begleiten. Zauberst du das Glück aus dem Zylinder, lässt du den Zufall walten oder den Deus-ex-machina für Glück sorgen, fühlen wir uns als Leser betrogen.

Glück im Sinne von Schicksal, von Zufall verbanne bitte aus deinem Roman. Es sei denn, dieser Glücksfall löst Handlungen erst aus.

Der Dreh- und Angelpunkt für Glück sind deine Figuren. Und machst du die glücklich, dann ist es dein Leser auch. Wie erleben deine Figuren Glück?

Viel Spaß beim Schreiben!

Deine Barbara

Bild: © konradbak – Fotolia.com

2018-01-30T22:26:33+00:00

About the Author:

Barbara Drucker ist Schriftstellerin und Schreibcoach. Sie schreibt historische Thriller und Gay Romantic Suspense und zeigt dir, wie auch du ausgezeichnete Romane und Pageturner schreibst, die deine Leser verschlingen.

13 Comments

  1. Kerstin 22. Januar 2016 at 11:15 - Reply

    Vielen Dank für diesen super Beitrag. Mir hilft er enorm weiter und zeigt mir, was ich verbessern kann. 😀

    Liebe Grüße
    Kerstin

    • Aventiure 22. Januar 2016 at 11:24 - Reply

      Liebe Kerstin,

      Das macht mich richtig glücklich 😉

      Liebe Grüße
      Barbara

  2. Karolin Mukama
    Karolin Mukama 22. Januar 2016 at 17:18 - Reply

    meine Figuren sind alles mögliche, glücklich eher nicht 😉

  3. Anna 24. Januar 2016 at 14:30 - Reply

    Liebe Barbara!
    Was für ein wichtiges Thema du da wieder einmal ansprichst! Die Glücksszenen im Roman sind die, die mich besonders mitreißen, die ich zweimal lesen muss. In deinem Roman war das sie innige Liebesszene. Ich glaube, ich habe sie sogar öfter als zweimal gelesen. 😀 Ich hab mich ja soooo für die beiden gefreut! Das hat mich dazu inspiriert, meine eigene Schlüssel-Liebesszene nochmal zu überarbeiten und sie noch „fühlbarer“ zu machen, den Leser eintauchen zu lassen. Meine Figuren erleben Glück jedoch auch einfach, indem sie in den sternenklaren Himmel blicken, tief ein und ausatmen und die kalte Luft der Nacht in ihren Lungen spüren, den sanften Windhaut auf dem Gesicht und den Geruch der vertrauten Stadt, den kein anderer Ort hat. 🙂
    Vielen Dank für das Ansprechen dieses Themas – ich werde jetzt noch mehr auf meine „Glücksszenen“ achten!
    Ganz liebe Grüße
    Anna

    • Aventiure 24. Januar 2016 at 22:15 - Reply

      Liebe Anna,

      Dieses Glück unter dem Sternenhimmel muss wunderbar sein, ich stelle es mir gerade vor! Oft glaubt man, das Glück müsse in Liebesszenen liegen, dabei schlummert es in den unterschiedlichsten Szenarios. So, wie du deine Szene skizzierst, fällt mir noch etwas ein, das ich persönlich wichtig finde, wenn ich von Glück lese: Glück ist still und intim. Ein sehr privater und intensiver Moment, in dem die Zeit still steht. Auf jeden Fall das Gegenteil von Show.

      Liebe Grüße
      Barbara

  4. Arleta 27. Februar 2016 at 16:34 - Reply

    genialer Artikel! 🙂 ich musste echt mehrfach schmunzeln 🙂

    • Aventiure 27. Februar 2016 at 16:53 - Reply

      Liebe Arleta,

      Danke, so soll es sein 🙂

      Schmunzelnde Grüße
      Barbara

  5. Astrid 3. Februar 2018 at 16:53 - Reply

    Ich weiß von meiner Protagonistin, dass sie Glück oder Unglück durch das „Tanzen“ ausdrückt! Wenn sie sich einsam oder unsicher fühlt, tanzt sie zu „Fastidious Horses“ von Vladimir Vysotskiy. Aber wenn sie glücklich ist? Darüber hatte ich mir bis jetzt noch gar keine Gedanken gemacht ;>( Vielen Dank für den Beitrag!!!

    • Aventiure 3. Februar 2018 at 19:05 - Reply

      Liebe Astrid,

      Glück und Unglück zu tanzen, ist eine großartige Idee! Ich hoffe, sie findet auch bald einen Tanz fürs Glücklichsein <3

      Liebe Grüße
      Barbara

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