Glück – oh Mann, schon wieder so ein abstrakter Begriff, unter dem jeder etwas anderes versteht! Das war so in etwa meine erste Reaktion, als ich von Silvia Chytils Blogparade »Glück muss man können« las. Zu einem Coaching-Blog, zu Leidenschafts- und Business-Websites passt das Thema hervorragend, aber zu Aventiure? Soll ich hier wirklich über Glück philosophieren? Nein, ich mach’s anders. Besinnen wir uns doch lieber auf unser Autoren-Handwerk, machen wir aus einem Filmzitat wieder einen grammatikalisch korrekten Satz und halten wir fest: Glück muss man schreiben können. Ich zeige dir wie.

Wer soll überhaupt Glück erfahren?

Klar, du machst dich selbst glücklich, wenn du beim Schreiben in den Flow kippst. Du erlebst Glück, wenn du dir deine Traumfiguren zurechtzimmerst und in deine Wunschwelt reist. Reine Hobby-Autoren schreiben ihre Alter-Egos in den Text und suchen das Glück in der Selbstbeteiligung und im literarischen Spiel. Beim therapeutischen Schreiben bringt dich die Psychohygiene letztendlich in einen Glückszustand.

Aber wenn du einen Pageturner schreiben willst, geht es nicht um dich. Tut mir leid. Dein persönliches Glück gehört in dein Tagebuch, vielleicht auf deinen Blog und dein Social-Media-Profil, aber nicht in deinen Roman. Ein Roman handelt vom Glück der Figuren.

Jeder ist anders – Glück auch

Vergiss alle landläufigen Definitionen von Glück. Glück ist vielfältig, es kann an Liebe gekoppelt sein. An romantische Liebe, an Liebe zu einem Kind, zu den Eltern, der besten Freundin, einem Hund, einem Land. Vielleicht hat es aber auch gar nichts mit Liebe zu tun, vielleicht ist es die Begeisterung für einen Job, für eine Tätigkeit, für Unabhängigkeit. Glücklich kann man sein, wenn man zwanzig Kilo abgenommen hat, wenn man in den ersten eigenen BMW steigt oder wenn man unter Milliarden von Sternen spaziert. Glück ist ein Seelenzustand, der für jeden durch etwas anderes hervorgerufen wird.

Tauche daher ganz tief in deine Figuren ein. Ja, jetzt musst du ein bisschen schizophren sein, denn jede Figur tickt anders. Die erste Frage lautet daher:

Damit bist du bei ihren Sehnsüchten. Die hat übrigens nicht nur der Held, sondern auch der Gegenspieler, der Mentor, die Mutter der Kommissarin, die Zicke im Fitnesscenter und der Ausbeuter im Chefbüro. Ja selbst der Vamp, der sich an alle Männer ranschmeißt, und der Serienmörder. Ist der korrupte Politiker möglicherweise deshalb korrupt, weil er Glück in der Macht erfährt?

Wenn du weißt, was deine Figuren unbedingt wollen, wofür sie Grenzen überschreiten, dann bist du ihrem Glück bereits auf der Spur.

Wie erlebt eine Figur Glück?

Du kennst also das Kernbedürfnis deiner Figur. Jetzt nimm an, dass sie am Ziel ihrer Träume anlangt, ihr Wunsch hat sich soeben erfüllt. Der Politiker wird zum Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt oder zum Bundeskanzler, doch was genau fühlt er dabei? Genugtuung, Triumph oder Erleichterung? Ist er voll Energie und Tatendrang oder löst sich jetzt die Anspannung der letzten Monate? Erfüllt ihn tiefe Zuneigung zu seiner Frau, die hinter ihm steht, denkt er dabei an seinen Vater, dem er nie gut genug war, wallt trotziger Hass gegen seine Lehrer hoch, die ihm nie etwas zutrauten? Oder ist er voll und ganz bei sich, genügt sich selbst und strotzt vor Kraft?

Die Art, Glück zu fühlen, muss zum Charakter der Figur passen, und wenn du es richtig machst, wird sie von deinen eigenen Glücksgefühlen ziemlich abweichen. Schlüpfe in die Figur und zelebriere ihren glücklichen Moment!

Von innen nach außen

Du fühlst das Glück? Perfekt! Das Gefährlichste, das du jetzt machen kannst, ist, dieses Gefühl zu behaupten. Bitte versuche es ohne Gedankenrede, ohne inneren Monolog und auf jeden Fall ohne die banale Feststellung »er war so glücklich«. Mach das Glück sinnlich wahrnehmbar und erlebbar!

Achte auf die körperlichen Reaktionen deiner Figur! Reißt der Politiker kämpferisch die Faust in die Höhe, leuchten seine Augen oder macht sich ein stilles, warmes Gefühl in seinem Bauch breit? Kann er die Sohlen nur mit Mühe auf dem Boden halten, weil alles in ihm dazu drängt, in die Luft zu springen?

Bekommt die Fitnessstudio-Zicke auf einmal weiche Knie, weil der scharfe Typ am Reck ihr nach seinen Klimmzügen das erste Mal zugelächelt hat? Weitet sich ihre Brust um gefühlte tausend Liter, fliegt ein ganzer Schmetterlingsschwarm in ihrem Magen oder redet sie auf einmal doppelt schnell und um eine Oktave höher? Tänzelt sie über das Laufband wie ein junges Fohlen und fühlt dabei ihren Pferdeschwanz wippen? Oder verschwindet die Zicke komplett und das schüchterne Mädchen kommt zum Vorschein, mit roten Wangen und einem seligen Lächeln?

Glück ist die Stunde der Wahrheit

In der Regel freuen wir uns mit anderen Menschen mit, wenn wir spüren, wie aufrichtig deren Glücksgefühl ist. Wenn wir eben dieses Leuchten in den Augen sehen, wenn ein Mensch sein Herz im Gesicht trägt. Bei Figuren ist das genauso. Zeige den schlimmsten Bösewicht in einem privaten, glücklichen Moment, ganz offen und unschuldig, und du wirst in diesem Augenblick Sympathie für ihn ernten. Voraussetzung dafür ist, dass der Leser den Glückszustand nicht nur als Information aufnimmt sondern das Glück selbst spürt.

Gerade weil man im Glückszustand unverstellt ist, ist Glück Charaktersache. Die triumphierende Faust des Politikers können wir nachvollziehen, der hasserfüllte Blick auf seinen geschlagenen Widersacher stempelt ihn jedoch zum Schurken ab und wir hoffen auf seinen Sturz.

Der Ausdruck von Glück muss zur Figur passen, was die Figur im Glück von sich verrät, zu deiner Strategie.

Ist die Figur ihres Glückes Schmied?

Wie kommt die Figur überhaupt in den Glückszustand? Auch das ist Charaktersache. Wenn eine Figur ihr Glück selbst in die Hand nimmt, wenn sie aktiv daran arbeitet, freust du dich doch ganz anders mit ihr, als wenn sie passiv ist und ihr alles in den Schoß fällt. Gut, manche mögen die sanften Weibchen, die so liiiiiieeeeb sind, dass man ihnen jedes Glück der Welt gönnt. Manche identifizieren sich mit dem Underdog, der vom Schicksal geprügelt wird, und wünschen ihm wenigstens ein bisschen Glück.

Verwechsle aber bitte nicht Sanftheit oder Benachteiligung mit Passivität. Eine passive Figur verdient kein Glück, nicht im Roman.

Glück fühlen ist toll, Glück haben unbefriedigend

Wie und wodurch deine Figuren ihr Glück herbeiführen, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie es tun. Dass sie Hindernisse überwinden, dass wir sie beim Glücklichwerden begleiten. Zauberst du das Glück aus dem Zylinder, lässt du den Zufall walten oder den Deus-ex-machina für Glück sorgen, fühlen wir uns als Leser betrogen.

Glück im Sinne von Schicksal, von Zufall verbanne bitte aus deinem Roman. Es sei denn, dieser Glücksfall löst Handlungen erst aus.

 
Der Dreh- und Angelpunkt für Glück sind deine Figuren. Und machst du die glücklich, dann ist es dein Leser auch. Wie erleben deine Figuren Glück?

Viel Spaß beim Schreiben!

Deine Barbara

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