Was wäre ein Dialog ohne Spannungsbogen? Ohne Spannung driften dir deine Leser nämlich weg. Mal Hand aufs Herz: Hörst du selbst seicht dahinplätschernden Worten zu? Bevor deine Leser abschalten, gib ihnen nur wirklich spannende Dialoge zu lesen.

Bringt dich der Dialog in der Handlung weiter?

Für einen Dialog gilt dasselbe wie für andere Szenen: Im Roman bleibt nur stehen, was zur Handlung beiträgt. Wenn du einfach Lust hast, deine Figuren mal nur so plappern zu lassen, dann tu das in Backstorys oder in Texten, durch die du selbst deine Figuren kennenlernst – aber mute es nicht dem Leser zu. Im Roman solltest du Figuren reden lassen, um ihre Motive zu zeigen, um sie in die Gänge zu bringen, um sie zu Entscheidungen zu zwingen. Aber nicht um des Redens willen.

Vorher und nachher

In der Handlung bist du dann vorangekommen, wenn nach dem Dialog etwas ist, was vorher noch nicht war. Wenn sich entweder die Situation geändert hat, oder zumindest eine der Figuren die Situation anders bewertet. Es gibt Autoren, die solche Veränderungen am Reißbrett planen, ich selbst lasse mich in dieser Beziehung beim Schreiben gerne treiben und unterscheide daher zwei Möglichkeiten:

Die Situation ändert sich

Wenn sich die Situation ändert, solltest du zumindest ungefähr wissen, worauf du hinaus willst. Hier geht es darum, dass du dem Leser, deiner Figur oder beiden eine neue Information zukommen lässt. Kirsten kann gerade erfahren, dass Mario einen Job in einer anderen Stadt angenommen hat. Oder in deinem Fantasy-Epos teilt eine Hexe deinem Helden mit, dass er ein Drachenei stehlen und verspeisen muss, um die Sprache der Elfen zu verstehen. Der geheimnisvolle Magier zeigt sein wahres Gesicht, oder der vermeintliche Vertraute entpuppt sich als der Erzbösewicht.

Die Einstellung der Figur ändert sich

Im obigen Beispiel könnte Kirsten aber bereits wissen, dass Mario nach New York übersiedeln will. Sie kann wochenlang nicht schlafen, immerhin liebt sie ihren Job, hat in München ihre Freunde und Deutsch spricht sie auch lieber als Englisch. Andererseits ist Mario genau das, was sie sich immer erträumt hat. Attraktiv, charmant, klug, und der Sex ist auch phänomenal. Aber dann haben sie da dieses Abendessen, in ihrem kleinen Bistro:

Die Kerze flackert auf dem Tisch, Mario schiebt wie immer die Blumen zur Seite und den gallischen Hahn mit dem Salz drin. Warum muss er immer die Dinge verändern, warum kann er nie etwas lassen, wie es ist?! Und auf einmal ärgert sich Kirsten. So richtig. Er schiebt das Salz zur Seite, ihren Job, ihre Freunde, und irgendwann auch sie. Aus dem romantischen Dinner wird ein handfester Krach, und der Traummann soll ihretwegen nach New York gehen, oder vielleicht besser gleich nach Timbuktu.

Vertraue deinen Figuren

Meine Figuren haben eine ganz seltsame Angewohnheit. Wenn ich solche Szenen schreibe, nehmen sie ein Eigenleben an, oft überraschen sie mich selbst. Das ist auch der Grund, warum ich mich beim Plotten nicht zu stark einenge und mir gerne die Möglichkeit für spontane Handlungen offen lasse. Meine Figuren gehen nicht zielstrebig den roten Faden entlang, sondern sie mäandern um ihn herum. Das funktioniert aber nur dann, wenn du sie sehr genau spürst, wenn du ihre Motive und Sehnsüchte kennst und sie daher im Einklang mit ihrem Charakter-Kern entscheiden und handeln. Wie du deine Figuren gut genug kennenlernst, um ihnen ein solches Eigenleben zuzugestehen, erfährst du übrigens im kostenlosen Crashkurs In 60 Minuten zu einer komplexen Figur.

Markiere die Ausgangslage

Du siehst also, ganz egal, ob du alles bis ins letzte Detail planst oder deinen Figuren Freiheit gibst, bei guten, spannenden Dialogen kommst du woanders an als du gestartet bist. Du schreibst zunächst einen Beginn, der in die Situation einführt, das kann in zwei Zeilen abgetan sein, oder du baust die Szene genüsslich auf. Wie ausführlich du hier schreibst, hängt von deinem persönlichen Erzählstil ab.

Baue einen Konflikt auf

Manche Figuren fallen gerne mit der Türe ins Haus, vor allem meine eigenen haben manchmal diese Neigung. 😉 Sie stellen ihre Dialogpartner, kaum dass das Gespräch begonnen hat, und die Fetzen fliegen! Nur: Worum geht es wirklich? Um den Streit? Der ist dabei nur die Folie.

Der Konflikt muss nicht notwendigerweise in der Auseinandersetzung mit dem anderen bestehen, er kann auch in der Figur selbst liegen. Ein Streit kann sich ebenso hochschaukeln wie ein Dialog, der ruhig beginnt. Beides braucht aber eine Steigerung, beides führt zum Wendepunkt hin.

Alles geht um den Wendepunkt

Wie der Name schon nahelegt, das ist der Punkt, auf den du hinzielst. Denn an diesem Punkt passiert die Veränderung, das ist der Point of no return. Bei Kirsten und Mario passiert er in ihrer heftigen Reaktion auf die harmlose Sache mit dem Salzstreuer. Bei unserem Elfenflüsterer liegt er im boshaften Kichern, mit dem die Hexe die Sache mit dem Drachenei verrät. Sorge auf jeden Fall dafür, dass es so einen Kippeffekt gibt, der Leser darf ruhig ein wenig erschrecken. Am Wendepunkt sollte er ganz bei deiner Figur sein und ihre Gefühle deutlich spüren.

Und dann nur kein Zerreden!

Wenn du den Wendepunkt erreicht hast, dann bringe die Sache schnell und sauber zu Ende, lass jetzt nur kein Zerreden, Bewerten, Gedankenwälzen und schon gar keine rasche Lösung zu. Der zweitwichtigste Punkt ist nämlich der Schluss, und hier darfst du dir einen kleinen Knalleffekt gönnen. Einen Cliffhanger, eine Sentenz oder ein starkes Gefühl, das beim Leser nachklingt und ihn atemlos mit dem nächsten Kapitel oder der nächsten Szene beginnen lässt.

Du merkst, ein packender Dialog ist ein Mini-Drama, das nach dem Muster der klassischen Tragödie funktioniert. Also hole den Schiller oder Shakespeare aus dir hervor und lass es krachen!

Viel Spaß beim Schreiben

ls-unterschrift

 

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