Bis jetzt vertrat ich ja immer die Auffassung, dass du – gerade am Anfang – mit einem einzelnen Protagonisten am besten fährst. Nicht, dass du nicht auch zwei oder mehrere schreiben könntest, doch du machst dir die Sache dadurch nicht unbedingt leichter. Als ich jedoch letzte Woche im Kino »Spotlight« ansah, kam ich ins Grübeln. Nicht nur wegen der beklemmenden Story, sondern weil der Film ziemlich ins Wanken brachte, was ich bisher über Protagonisten dachte.

Der Protagonist als Einzelkämpfer

Ich denke, über die Basics sind wir beide uns einig: Der Protagonist trägt die Geschichte, er überwindet Hindernisse, die ihm bei der Erreichung seines Ziels im Weg stehen, und im besten Fall macht er auch noch eine Veränderung durch. Es ist seine Story. Nimm einmal deine Lieblingsromane genau unter die Lupe: Oft schlagen sich Duos oder ganze Teams durch die Handlung, doch wessen Geschichte wird wirklich erzählt?

Der Protagonist mag einen Freund zur Seite haben, einen Vertrauten oder Sidekick, der ihn vor dem Einsamer-Wolf-Status rettet und ihn moralisch unterstützt. Love Interests und Mentoren erfüllen oft eine ähnliche Funktion. Nichtsdestotrotz muss er selbst mit den Schwierigkeiten fertigwerden.

Die Sehnsucht nach Gesellschaft

Doch häufig begegnen wir auch einem anderen Phänomen: der Verdopplung der Protagonisten. Speziell in Krimis lösen oft Ermittlerduos den Fall, seien es Kommissare aus anderen Städten, anderen sozialen Schichten, eine neugierige Privatperson, die den Ermittler unterstützt, Forensiker, Profiler und weiß der Kuckuck was noch alles. Liegt es daran, dass so ein Partner oder Vertrauter durchaus dramaturgische Vorteile mit sich bringt? Dass sich der Protagonist mit ihm besprechen und Pläne schmieden kann?

Das könnte er mit einem Vertrauten ebenso gut. Wenn du aber einen zweiten Protagonisten schreiben willst, dann brauchst du für den eine eigene Story. Keinen Subplot, sondern eine zweite Facette des Hautphandlungsstrangs. Beide Protagonisten wollen das Gleiche, sie räumen auch gemeinsam oder zumindest einander ergänzend die Hindernisse aus dem Weg. Wenn du einen von ihnen wegnimmst, funktioniert die Story nicht mehr bzw. wird daraus eine komplett andere Geschichte.

Gleichrangige Figuren

Elizabeth George hat mit Inspector Lynley und Seargent Havers solch ein Protagonisten-Duo entworfen. Abgesehen von einzelnen Romanen, die hauptsächlich von einer der beiden Figuren getragen werden, kann man mittlerweile schwer sagen, wer wichtiger wäre. George baut zwar alle Haupt- und sogar die Nebenfiguren genial auf, trotzdem merkt man den Unterschied: Simon St. James ist »nur« ein Vertrauter, Helen war »nur« das Love Interest. Barbara Havers hingegen ist die zweite Protagonistin.

Nimmst du im Vergleich dazu Karl May, hast du zwar diese großartigen Freundespaare, aber von gleichrangig ist keine Spur. Der Protagonist ist Old Shatterhand, Winnetou ist nur der exotische Freund. Der Protagonist ist Kara ben Nemsi, Hadschi Halef Omar ist nur der Sidekick.

Wenn du wirklich zwei Protagonisten schreibst statt Protagonist und Helfer, dann sind aber beide in ihren Wünschen und Zielen ebenbürtig. Beide brauchen eine wasserdichte und nachvollziehbare Motivation, einen ausgefeilten Charakter und sollten als komplexe Figuren angelegt sein. Dein Leser kennt die Träume und Sehnsüchte von beiden, er fiebert mit beiden mit, selbst wenn ihm einer sympathischer ist als der andere.

Und was ist nun mit Spotlight?

Ich fragte mich lange, wer denn nun der Protagonist sei. Mein Sympathieträger war es schon mal nicht, auch auf die großen Namen Hollywoods war kein Verlass. Im Wesentlichen geht es in Spotlight darum, dass ein Journalisten-Team den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche publik macht. Nach und nach entdecken sie, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle sondern um ein strukturelles Problem handelt.

Meine Tochter fing während des Films an, über Motive zu spekulieren. Ob der Herausgeber selbst ein Opfer war. Sofort fuhr ich auf derselben Schiene mit. Von Einzelprotagonisten und Protagonisten-Duos sind wir nämlich gewohnt, die Motive zu hinterfragen, hinter jeder Figur die individuelle Persönlichkeit zu suchen. In dieser Story funktioniert das jedoch nicht.

Ist nun die Story gescheitert?

Ganz und gar nicht! Sie hat nur eine andere, ungewohnte Struktur. Bei den Gegenspielern wissen wir es längst, der Antagonist muss keine einzelne Figur sein, sondern kann auch in etwas Abstraktem wie Krankheit, Krieg, inneren Dämonen, eben einer antagonistischen Kraft bestehen. In Spotlight ist der Gegenspieler die katholische Kirche als Institution. Einzelvertreter haben absolut erkennbar nur Stellvertreterfunktion, du fieberst nicht darauf hin, dass ein bestimmter Kardinal zu Fall gebracht oder ein namentlich genannter Täter vor Gericht gestellt wird, sondern du willst, dass das Spotlight-Team die Enthüllungsstory veröffentlichen kann.

Im Prinzip ist es ein David-gegen-Goliath-Plot. Doch diesem ungreifbaren Antagonisten, dieser anonymen Macht, steht nun kein einzelner Protagonist gegenüber, auch kein mehrköpfiger, sondern ein Protagonisten-Kollektiv. Und das ist in diesem Setting höchst konsequent.

Kollektiv statt Charakter

Nur das Ziel ist bekannt, nämlich die Veröffentlichung, das Motiv dahinter kaum. Wirtschaftlicher Druck durch die Veränderung der Medienlandschaft wird höchstens angedeutet, das Team bekommt monatelang Zeit für sorgfältige Recherche, lediglich gegen Ende wird der Druck – ganz im Sinne eines steigenden Konflikts – durch die drohende Konkurrenz erhöht. Der Missbrauch ist eine gute Story, mehr nicht.

Einzelmotive sind in dieser Geschichte nicht wichtig und wir erfahren davon auch nichts. Punktuell flackern Mitleid, Erschütterung, Angst um die eigenen Kinder oder die Sorge auf, gläubige Verwandte durch die Veröffentlichung in ihren Grundfesten zu erschüttern. Solche Probleme werden angedeutet, aber sie sind nicht Thema. Können es auch nicht sein, denn es treten keine Personen sondern zwei große Kollektivfiguren gegeneinander an: Aufdecker gegen Vertuscher.

Das Individuum tritt zurück

In dieser Story geht es um Ideen, nicht um Werte. Ethik und Moral werden weitgehend herausgehalten, schwingen höchstens als Subtext mit. Der Einzelne wird bedeutungslos und zum Opfer, sei es als Missbrauchsopfer, sei es als jemand, dem die spirituelle Grundlage entzogen wird, sei es als Mensch, dessen Gefühle angesichts der Informationspflicht in den Hintergrund treten und nicht einmal innerhalb des Teams diskutiert werden.

Wenn die Idee absolut wird, was passiert dann mit dem Menschen? Was bedeutet noch das Individuum, wenn das Kollektiv übernimmt, unabhängig davon, ob das Kollektiv auf der Seite von Gut oder Böse steht? Ob die Filmmacher das so beabsichtigt hatten, weiß ich nicht, Beklemmung und Irritation haben sie bei mir jedenfalls ausgelöst.

In sich schlüssig, aber zur Nachahmung heikel

Die Idee eines Kollektiv-Protagonisten erscheint mir gerade in der heutigen Zeit nicht so weit hergeholt, und die Story geht auf. Ob sie sich auch als Roman in dieser Form lesen lässt, bin ich mir nicht so sicher.

Im letzten Beitrag haben wir uns ja mit der Masse auseinandergesetzt, könntest du dir solch ein gesichtsloses Kollektiv als Protagonisten in deinem Roman vorstellen? Ich selbst könnte keine drei- oder vierhundert Seiten gespannt bleiben, wenn ich mich nicht mit einer Figur identifiziere. Dementsprechend werde ich weiterhin starke Einzelprotagonisten schreiben. Aber als Gedankenexperiment und als literarischer Versuch ist solch eine Kollektivfigur dennoch spannend.

Wie siehst du das, sollten wir von Kollektiven erzählen? Oder doch lieber bei unseren individuellen Helden bleiben?

Viel Spaß beim Schreiben!

Deine Barbara

 

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