Fünf Sinne hat der Mensch bekanntlich, sechs, wenn du die Intuition dazu nimmst. Doch auf wie viele Sinne stützt du dich beim Schreiben? Ok, dass du den Augen etwas liefern sollst, sagt dir mittlerweile jeder zweite Schreibratgeber, und wie das mit den Klängen aussieht, weißt du auch schon. Doch die anderen Sinne schickst du auf Pause? Dann verzichtest du auf das beste Mittel, Gefühle hervorzurufen. Es sei denn …

Gerüche sind eine scharfe Waffe

Stell dir mal vor, das sinnliche Aroma einer fantastischen Kaffeeröstung zieht durch die Wohnung, vielleicht auch noch der Duft von Nüssen und Zimt, der Geruch eines noch warmen Apfelkuchens. Welche Szene entsteht vor deinem Auge? Heimeligkeit vermutlich, eine gemütliche Jause, trautes Beisammensein. Deine Kindheitserinnerungen werden wach, und du hast eine Vorstellung von der Szene, bevor ich dir optische Details oder andere Informationen geliefert habe.

Dagegen kannst du absolut nichts tun. Nase zuhalten oder ein mordsmäßiger Schnupfen funktionieren vielleicht im realen Leben, aber nicht beim Lesen. Die Gerüche schleichen durch deine Nase, über die Nervenbahnen bis in dein Gehirn, und da suchen sie sich eine ganz gemeine Stelle: Du glaubst, du denkst und analysierst sie? Weit gefehlt. Sie peilen dein limbisches System an, den Ort, wo Gefühle und Erinnerungen abgespeichert sind. Und jetzt sind wir genau da, wo es für dich als Autor interessant wird!

Keine halben Sachen

War da nicht mal was? Wolltest du deinen Leser nicht zum Fühlen bringen? Dann greife auf seine Erinnerungen zu. Allerdings musst du dazu aufs Ganze gehen, mit Andeutungen wirst du keine Erinnerungen wachrütteln. Wenn du Gefühle willst, musst du deinen Leser genau das riechen lassen, was diese Gefühle auslöst. Benenne es konkret!

Nehmen wir an, du willst das Gefühl von Abscheu und Ekel, der Leser soll sich innerlich winden und den Ekel auf der Zunge schmecken. „Es roch eklig“ sagt ihm gar nichts. Doch wie sieht es mit dem süßlichen Geruch fauliger Äpfel aus? Mit dem Gestank von Fischabfällen, die in der modrigen Hitze Myriarden von Insekten anlockten. Das Blut des Schlachtviehs mischte sich mit dem Urin der Pferde, fraß sich in die Ritzen der Pflastersteine und verwandelte den Marktplatz in eine Kloake.

Duftkulisse und Schauplatz

Gehe durch deine Romanwelt, durch dampfende Wälder, durch modrige Keller oder in feucht-kühle Höhlen, klettere auf hohe Berge und erlebe, wie scharf und dünn die Luft dort ist. Krieche durch Speicher, in denen Nelken und Zimt gelagert sind, blase im Dachboden den Staub von alten Truhen. Versuche eine Duftkulisse zu entwerfen. Erschnuppere den Grundgeruch in deinem Roman und setze dann Akzente.

Und rede dich nicht auf moderne Technik aus! Dass dein Schauplatz überhaupt nicht riecht, ist nicht gerade wahrscheinlich, selbst in einem Raumschiff wird es riechen. Sieh dir das Material an, verändert es sich unter unterschiedlichen Temperaturen? Bei einem Kurzsschluss könnte zum Beispiel Gummi durchschmoren.

Registriere Unterschiede

In früheren Epochen und, zumindest während meiner Kindheit, auch auf dem Land hast du im Winter den Hausbrand in der Nase, die Rauchfänge qualmen und blasen in die Luft was brennt. In der Stadt hüllt dich dafür der Smog ein, und trotzdem gibt es auch dort noch feinere Nuancen. Die U-Bahn riecht anders als die Straßenbahn oder der Bus, ein Privatauto anders als ein Taxi. Im BMW hängt das teure Rasierwasser, im Familienvan der verschüttete Orangensaft und in Hofers Spießerkarre der Duftbaum. Das gilt auch für Gebäude, für den Büroturm, die Mietkaserne oder die Villa.

Wie viele Gerüche gibt es in einem Krankenhaus! Was ziehst du vor? Desinfektionsmittel, diverse Körperflüssigkeiten, schonend gegartes Krankenhausessen. Wie riecht Krankheit im Spital, in einem Altersheim oder in den eigenen vier Wänden? Was riechst du auf einem Schlachtfeld? Blut, Pulverdampf, Angst, …

Beschreibe Figuren durch Gerüche

Du kannst aber noch mehr, als deine Leser über Schauplätze schnüffeln lassen. Öffne einmal den Kleiderschrank deines Freundes, und dir wird seine ganz persönliche Duftwolke entgegenschlagen. (Wir reden von deinem Freund, sie wird dich daher hoffentlich nicht erschlagen 😉 ) Sie setzt sich aus seinem holzigen Rasierwasser zusammen, aus der Erinnerung an seine Haut, an die T-Shirts, die er so gerne trägt, in ihnen hängt noch ein Anklang des Waschmittels. Seine Lederjacke schnuppert nach Freiheit und Abenteuer.

Und nun nimm dir deine Figuren vor. Wie dein Held aussieht, hast du deinen Lesern vermutlich erzählt, aber wie riecht er? Büroschnepfen auf Highheels tummeln sich in deinem Roman wie Mücken in einem Flussdelta. Verpasse ihnen doch mal ein aufdringliches Parfum. So einen Vanilleduft vielleicht, während die coole Marketingchefin nach Zitronen riecht und die Grande Dame im Vorstandsbüro nach Rosen. Schnuppere dich in einer Parfumerie oder einem Dutyfree-Shop am Flughafen durch die Tester und suche einen passenden Geruch für deine Figuren. Ich nehme mir gerne Duftstreifen mit und rieche während des Schreibens ab und zu daran.

Wie riecht das Leben deiner Figur?

Auch Lebensgewohnheiten kannst du durch Gerüche vermitteln. Das beginnt mit der Hygiene. Riecht jemand sauber, nach Duschgel oder Seife, duften die Haare nach Shampoo? Oder seine Laster. Du kennst bestimmt den kalten, abgestandenen Rauch, der sich nach einem Barbesuch auf deinem Kopfkissen ausbreitet. Wenn du Nichtraucher bist, weißt du sofort, ob jemand noch schnell vor der Tür gequalmt hat, und einen starken Raucher zu küssen schmeckt, als würdest du einen Aschenbecher ausschlecken. Beim Wangenkuss für die Schwiegermutter denkt deine Heldin sofort an einen riesigen Cremetiegel aus dem Billigdrogeriemarkt, während ihr Schwager einfach immer nach Sex riecht und es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie der Komposition aus Tabak, Moschus und Testosteron erliegt.

Sieh dir die Hobbys und Berufe deiner Figuren an und leite daraus Gerüche ab. Ein Profisportler schwitzt, aber er duscht deshalb vielleicht auch oft, jemand, der dauernd im Freien ist, riecht möglicherweise frisch. Riechen Bürohengste nach Toner und Papier oder doch eher nach Kaffee? Ein Tischler nach Holz? Nicht nur Penner stinken, auch Leute, die bei der Müllabfuhr arbeiten. Oder hast du mal einen griechischen Kellner oder Koch nach einem Arbeitstag gerochen, wenn Knoblauch und Olivenöl eine Verbindung mit Haut, Haaren und Kleidung eingegangen sind?

Wo und wann spielt dein Roman?

Es ist ein Unterschied, ob deine Figuren in Amerika oder in Europa leben, Amis haben meist einen ganz anderen Körperkult und Reinlichkeitsfimmel als Durchschnittseuropäer. Recherchiere die Pflegerituale in der Gegend, in der dein Roman spielt. Und nicht nur in der Gegend sondern auch in der Kultur und der Zeit. Ein Bad auf einer Burg zu nehmen, ohne fließendes Warmwasser, ist wesentlich aufwändiger als in unserer Zeit mal schnell unter die Dusche zu springen. Im alten Rom ging die Oberschicht in Thermen, im 17. Jahrhundert sah man dem Kontakt mit Wasser ziemlich skeptisch entgegen. Wie sieht das in deiner Fantasy-Welt aus?

In einer Ritterkultur haben zumindest Männer viel Kontakt mit Pferden, sie werden daher auch nach Pferd riechen. Cowboys und Westernhelden ebenso. Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Gerüche, und was für uns außergewöhnlich wirkt, ist für Figuren in deiner Romanwelt wahrscheinlich normal. Wenn alle nach Schweiß stinken, fällt nicht der verschwitzte Held auf, sondern der, der frisch duftet. In einer Bauernkate schenken die Bewohner dem Rauch vom Herdfeuer keine Beachtung, auch nicht der Würze des Schinkens, der über der Feuerstelle hängt. Aber das Puder, mit dem der adlige Gast seine Perücke färbt, irritiert.

Sinnlichkeit ist immer spezifisch

Egal ob du Essen beschreibst, ein Parfum, Menschen oder Schauplätze, sag deinem Leser genau, was er riecht. Halte ihm nicht Kräuter unter die Nase sondern Lavendel. Zerreibe Basilikum zwischen seinen Fingern und lass ihn das Mittelmeer im Oregano oder Rosmarin riechen. Die Rußpartikel nach einem Großbrand beißen ihn in der Lunge, während eine ausgeblasene Kerze seine Nase umschmeichelt und Weihrauch ihn in mystische Stimmung versetzt. Denke an die Gerüche von Jahreszeiten. An Flieder und Lindenblüten, an Thymian oder Tannenduft. Versuche dich auch an abstrakten Begriffen. Wie riechen Liebe, Angst, Krankheit? Hass? Sex? Verrat?

 

Mit Gerüchen kannst du deinem Roman eine ganz besonders sinnliche Komponente geben. Am Anfang ist es ungewohnt, weil die Nase für die wenigsten von uns das primäre Sinnesorgan ist. Aber trau dich! Wenn es dir schwer fällt, dann versetze dich probeweise in einen Hund und lass ihn durch deinen Roman schnüffeln. 😉

Viel Spaß beim Schnuppern und Schreiben!

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