12 Dinge, die die meisten Autoren nicht über Namen wissen

Nomen est omen heißt es im Volksmund, und oft ist etwas Wahres dran. Im Roman auf alle Fälle, denn Figuren funktionieren nicht mit beliebigen Namen. Wenn du Figuren benennst, bist du gut beraten, ein paar wichtige Überlegungen anzustellen.

Warum überhaupt Namen?

Das beginnt schon mal mit der wichtigsten Frage an sich: Soll deine Figur einen Namen tragen? Wie viele Romane kennst du, in denen die Hauptfiguren namenlos bleiben? Ich müsste jetzt wirklich scharf nachdenken, Rebecca von Daphne du Maurier fällt mir ein, hier erzählt ein namenloses Ich. In den meisten Romanen wird aber selbst ein Ich-Erzähler irgendwann namentlich genannt. Deine Leser wollen Dinge und noch mehr Figuren benennen, um sie sich zu eigen zu machen.

1. Irgendwie geht sicher schief

Wenn du Figuren aber nur irgendwie benennst, verschenkst du nicht nur deine Möglichkeiten, sondern es geht auch noch ziemlich sicher schief. Nicht jeder Name funktioniert nämlich für jede Figur, stell dir mal vor, James Bond hieße Franz Müller 😉 Der Name muss zur Figur passen.

2. Lass dir Zeit

Um den richtigen Namen für deine Figur zu finden, brauchst du vor allem Geduld, und es sollte eine Entscheidung sein, hinter der du zu 100 % stehst. Prüfe Namen, lass sie dir auf der Zunge zergehen. Manchmal hast du einen Namen sehr schnell, manchmal dauert es ein bisschen. Dann ist halt das Feld im Factsheet einstweilen leer. Vielleicht schläfst du auch einmal darüber, und wenn sich der Name am nächsten Tag immer noch richtig anfühlt, dann passt er.

3. Hamburg oder Grammatneusiedl? Aus welcher Region kommt deine Figur?

Dass ein Italiener nicht Uwe heißt, wird jedem einleuchten, aber denkst du auch an die Unterschiede innerhalb des deutschen Sprachraums? Eine Silke, Heike, Meike oder einen Torsten siedle ich unwillkürlich im Norden Deutschlands an. Wie heißen Leute aber in Österreich, in der Schweiz oder in Bayern? Stammt die Figur aus der Stadt oder vom Land, und wie konservativ sind ihre Eltern?

4. In welcher Zeit spielt dein Roman?

Noch größer als die örtlichen Einschränkungen sind die durch die Zeit. Welche Namen waren zur Handlungszeit üblich? Wenn du historische Stoffe schreibst, dann lies in zeitgenössische Romane oder Dramen hinein. Finde die Namen historischer Persönlichkeiten heraus, du findest realistische Namen in alten Zeitungsartikeln, Briefen, Dokumenten oder Taufregistern.

5. Auch der soziale Stand spielt eine Rolle

Wie viele gekrönte Häupter geben ihren Sprösslingen Modenamen? Je wichtiger Traditionen sind, desto konservativer werden auch Namen. Das betrifft übrigens nicht nur den Adel, sondern denke mal an Familien, in denen der Vorname vom Großvater auf den Vater und den Sohn übergeht. Das hat viel mit dem Selbstverständnis und dem Wunsch nach Überdauerung einer Familie zu tun.

Ein ganz eigenes Phänomen sind Modenamen in der breiten Masse. Eine Zeit lang waren französische Namen extrem beliebt – und wurden mangels echter Französischkenntnisse dann notorisch falsch ausgesprochen. Natalies, Valeries und Andrés werden in manchen Schichten gerne auf der ersten statt der letzten Silbe betont. Verpass doch deiner Figur mal so einen Namen samt falscher Aussprache, und du hast sofort einen Pseudo-Schicki-Micki mit entsprechender Plattenbauumgebung 😉

6. Was assoziierst du selbst mit einem Namen?

Ein Name besteht aber nicht nur aus Hard Facts, sondern du verknüpfst ihn auch mit deinen Erfahrungen und Assoziationen. Claudia ist ein unbestritten alter Name (aus der Römerzeit), wenn du aber in der Schule neben einer gleichnamigen neureichen Zicke gesessen bist, wirst du ein ganz bestimmtes Bild von einer Claudia haben. Und das kriegst du verdammt schwer aus dem Kopf, vermutlich erst dann, wenn du eine andere Claudia kennenlernst, die eh ganz nett ist 😉

Nutze diese Assoziationen, denn sie geben dir ein Gefühl für die Figur, das dich beim Schreiben unterstützt. Dann benimmt sich diese Figur nämlich wie deine Vorstellung einer Claudia.

7. Manche Namen sind schon fast Klischees

In diesem Zusammenhang finde ich Klischees übrigens äußerst hilfreich, weil sie dem Leser gleich ein ganzes Eigenschaftsbündel anbieten. Das kann sich bei Typen bewähren oder bei weniger wichtigen Nebenfiguren. Hast du auch ein ganz bestimmtes Bild einer russischen Natascha? Oder eines bayrischen Franz? In diese Kategorie fallen auch Promi-Namen oder Namen berühmter Filmfiguren.

8. Sprich den Namen laut aus

Für mich ist eines der wichtigsten Kriterien bei der Namenswahl die Klangqualität. Starke Figuren brauchen zumindest für mich dunkle Namen mit tiefen Vokalen, der Marchese in Das Gift der Schlange heißt nicht von ungefähr Riccardo. Sein voller Name lautet Riccardo Visconti Marchese della Motta, und in der letzten Überarbeitung änderte ich das von den meisten Figuren verwendete Visconti auf della Motta um. Visconti nennen ihn nur mehr die Gegner, die ihm das Bedrohliche nehmen wollen.

Manchmal kann es hilfreich sein, vorab bestimmte Laute auszusuchen. Wenn du einen kehligen Klang willst, suche gezielt nach Namen mit einem K oder H, dunkle Vokale sind A und und ein geschlossenes O. I ist hell. E wirkt härter als A. Auch die Länge eines Namens und der Rhythmus spielen eine Rolle. Einsilbige Namen wirken einfacher als dreisilbige. Für vielschichtige Figuren verwende ich am liebsten Namen mit mehreren Silben wie Alexander Merahwi aus Shark Temptations.

9. Namen können auch sprechen

Die meisten Österreicher mussten wohl in der Schule Nestroys Der Talisman lesen und wissen daher, dass Titus Feuerfuchs ein Rotschopf ist. So etwas nennt man einen sprechenden Namen. Ganz so plakativ muss es aber nicht immer sein. Ich nutze auch hierfür gerne den Klang.

Der Gegenspieler des Marchese, Herzog von Sondheim, beginnt mit einem Zischlaut und gewinnt dadurch eine gewisse Schärfe. Sondheims Rivale, Kardinal Ressau rollt durch das R bedrohlich, während der Diener und Vertraute Giacomo einen sehr weichen Namen hat.

10. Vermeide zu starke Ähnlichkeiten

Vor allem Namen, die mit dem gleichen Buchstaben anfangen, verwirren den Leser und sorgen für Verwechslungen. Das gilt auch für Namen, die sich reimen. Tim und Kim sind für ein Zwillingspaar witzig, oder da, wo die Verwechslung beabsichtigt ist. Mach es deinem Leser aber nicht unnötig schwer. Er sollte sich Namen leicht merken und sie leicht auseinanderhalten können.

11. Wie findest du nun gute Namen?

Wie du historische Namen findest, habe ich dir oben schon verraten. Für Romane, die in der Gegenwart spielen, ist das Telefonbuch eine gute Quelle. Aber bitte nimm sicherheitshalber keine realen Menschen, sondern kombiniere Vor- und Nachnamen von unterschiedlichen Einträgen. Ich google auch gerne beliebte Vornamen. Oder fremdsprachige Namen.

Wenn du Fantasy schreibst, dann spiele mit Klängen. Du kannst auch von Scrabble oder vergleichbaren Spielen blind eine gewisse Anzahl an Buchstaben ziehen und sie zu einem Namen arrangieren, der für dich passend klingt. Wiederhole das so lange, bis du gute Namen hast.

12. Distanziere dich sicherheitshalber von realen Menschen

Ich bin kein Namensrechts- oder Urheberrechtsexperte, aber ich würde sicherheitshalber meine Figuren von realen Menschen abgrenzen. Es gibt beispielsweise den italienischen Familiennamen Visconti, es gab das Adelsgeschlecht der della Motta, auch wenn es meinen Recherchen zufolge ausgestorben ist. Um aber kein unnötiges Risiko einzugehen, betone ich im Nachwort, dass die Figur erfunden ist und mit diesem Geschlecht nichts zu tun hat.

 

Namen sind mindestens genauso wichtig wie die Haarfarbe einer Figur. Oder nein, sie sind dreimal so wichtig! Stimme sie auf den Charakter der Figur ab, überlege dir gut, ob die Leser die Figur mögen sollen und welche Eigenschaften hervorstechen. Wenn du das Factsheet aus dem Crashkurs sorgfältig ausarbeitest, dann weißt du auch, worauf du bei der Namensgebung zu achten hast. Und in Summe ist es keine Hexerei sondern kann sogar Spaß machen!

Welche Namen tragen deine Figuren und warum? Ich bin auf deinen Kommentar gespannt!

Alles Liebe und viel Spaß beim Namensuchen und Schreiben!

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2017-10-20T10:53:07+00:00