Letzte Woche erhielt ich Post von Vivien. Sie bittet mich, genauer auf Adjektive einzugehen, denn ihrer Meinung nach bestehe ein guter Text eben auch daraus, weil man so alles näher beschreiben könne. Meine Aussage, mit Adjektiven sparsam umzugehen, hat offenbar für Verwirrung gesorgt. Bei dir auch? Dann lies hier weiter, denn ich bin keineswegs ein Feind des Eigenschaftsworts!

Der Feldzug gegen das Adjektiv

In Schreib- und Stilratgebern hält sich der Kreuzzug gegen das Adjektiv sehr hartnäckig, und auch in meiner Ausbildung zur Schreibpädagogin wurde die Attacke gegen diese Wortart geritten. Die leidenschaftlichsten (man beachte, ein Adjektiv! 😉 ) Gegner heften sich immer wieder dasselbe Zitat auf die Fahnen: „Wenn Sie ein Adjektiv sehen, bringen Sie es um.“Mark Twain

Warum gerade dieser Wappenspruch nicht besonders durchdacht ist, wirst du gleich merken.

Vorsicht, Kitschalarm!

Es gibt Textsorten, in denen sind Adjektive Pflicht. Sie tummeln sich geradezu in Büchern mit muskulösen, halb nackten Männern auf dem Cover und jungen Frauen mit wallender Mähne. Sie hingegossen in seinen Armen, mit sehnsüchtigem Blick in seine glutvollen Augen, er sprüht vor Testosteron und Leidenschaft. Im Hintergrund ein Schloss oder ein Piratenschiff, vielleicht auch schneebedeckte Berge.

Wenn du einen Nackenbeißer schreiben willst, ist das erstens vollkommen in Ordnung, dafür gibt es einen großen Markt und begeisterte Leser, und zweitens kannst du die Adjektiv-Hetze entspannt angehen. In diesem Fall ist das Adjektiv nämlich dein bester Freund. Ich weniger, denn mir dreht es den Magen um, und wenn die Handlung noch so mitreißend ist.

Nominal-, Verbal-, Adjektiv-Stil – Entscheide dich!

Nachrichten oder wissenschaftliche Texte sind meist im Nominalstil verfasst, Substantive und Substantivierungen halten den Leser auf Distanz und suggerieren Fakten und Objektivität. Da wird in erster Linie beobachtet und der Identifikation ein Riegel vorgeschoben. Dürfte übrigens sehr deutsch sein.

Beobachtet wird auch beim Adjektiv-Stil, und so seltsam es klingen mag, die Haltung dahinter scheint mir ähnlich. Indem etwas benannt wird, muss ich etwas nicht mehr fühlen, sondern kann es bewerten. Also nicht eintauchen sondern draufschauen. Zuschauen. Nicht mitspielen.

Ganz anders ist das beim Verbal-Stil. Hier geht die Post ab, hier bist du voll dabei und mittendrin. Du schlüpfst in eine Figur und erlebst – nicht bewertest – mit ihr das Geschehen. Nicht denken, tun ist die Devise. Und deshalb eignet sich der Verbal-Stil für Romane, wie wir sie schreiben, für Pageturner, die den Leser die Zeit und die Außenwelt vergessen lassen.

Ist ein Adjektiv überhaupt sinnvoll?

Vor allem wenn es um leere Worthülsen geht, sind Adjektive überflüssig, ja geradezu lästig. ‚Agnes hob ihm ihr schönes Gesicht entgegen‘ – welche Information gewinnst du aus solch einem Satz? Macht es für die Handlung einen Unterschied, ob das Gesicht schön ist oder nicht? Wenn nein, dann weg damit. Wenn ja, ist mir schön zu wenig. Und komm mir jetzt bitte nicht mit ihren blauen Augen oder ihrem honigblonden Haar! Es sei denn, er ist ein Serienmörder, der auf blauäugige Blondinen steht.

Überprüfe die Perspektive

Überflüssige Adjektive erkennst du unter anderem an der Perspektive. Angenommen, du schreibst die Szene aus ihrer Sicht. Wird Agnes in dem Moment, indem sie auf seinen Kuss wartet, überlegen, ob ihr Gesicht schön ist? Allenfalls wenn sie ein ausgekochtes Luder ist und ihre Schönheit sehr kalkuliert einsetzt. Dann würde sich die Stelle aber in etwa so lesen:

Gleich würde sich zeigen, ob ihre Nase die zehntausend Euro wert war. Der Schlafzimmerblick funktionierte immer, ihren trägen Lidern und seidigen Wimpern konnte kein Mann widerstehen. Auch er nicht. Und für den Fall, dass er zu schüchtern war, öffnete sie ihre Lippen ein wenig.

Bitte nicht alles auf einmal

Natürlich musst du deinem Leser manchmal etwas zeigen, um eine Szene oder Figur plastisch zu machen. Er muss er etwas sehen, hören, spüren, im Idealfall sogar riechen oder schmecken. Deshalb kommst du in einem fiktionalen Text gar nicht um Adjektive herum. Wenn du schreibst ‚Agnes war schön‘, kann sich aber niemand etwas darunter vorstellen. Für mich sind dunkelhaarige Frauen schön, für dich vielleicht ein roter Lockenkopf und für unseren heißblütigen Lover Blondinen.

Klischees beeindrucken ebenso wenig wie ein ganzer Katalog, wir wollen ja einen Roman lesen und nicht ein Profil aus dem Internetdating. Greife dir ein, zwei Merkmale heraus, die sofort ins Auge fallen, die das Besondere an der Figur ausmachen. Ihre hohen Wangenknochen etwa. Die perfekt geschwungenen Augenbrauen, die sie etwas hochmütig erscheinen ließen. Den Rest kannst du auch noch später einfließen lassen.

Niemand will bevormundet werden

Bei unserer Absicht, Pageturner zu schreiben, haben Adjektive die Aufgabe, den Leser in den Text hineinzuziehen. Sie sollten daher möglichst konkret und vor allem sinnlich erlebbar sein. ‚Er war intelligent‘ kann man weder sehen noch sonst wie sinnlich erfassen. Woran erkennt der Leser Intelligenz? Wie handelt ein intelligenter Mensch? Was hebt ihn von anderen Figuren ab?

Als Leser will ich selbst zum Schluss kommen, dass ich es mit einer Intelligenzbestie zu tun habe. Sag mir nicht, was ich zu denken habe, sondern gib mir die nötigen Informationen, damit ich zum gleichen Schluss komme wie du.

Auch für Stimmungen brauchst du Adjektive

Was für Figuren gilt, gilt erst recht für Stimmungen, aber auch da ist es nicht mit Behauptungen getan. ‚Die Gasse war unheimlich‘ kann man dir glauben oder auch nicht. Wie wäre es aber damit: Auf der Hauptstraße hatte es nach Abgasen gestunken, hier roch sie den Mief von uralten Kellern. Sie hastete an Blechtüren und zerbrochenen Scheiben vorbei, an überquellenden Mülleimern und zerfetzten Zeitungen, trat auf Flugzettel, die auf Billigpizza und noch billigeren Sex einluden. Das Echo ihrer eigenen Schritte dröhnte ihr in den Ohren.

Die Gasse könnte aber auch je nach Genre, Epoche und Handlung ganz anders aussehen:

Die Gegend war nicht gerade Vertrauen erweckend. Fensterläden klapperten im Nachtwind, Ratten huschten an den feuchten Hausmauern entlang. Zum Glück war es kalt, wenigstens der Geruch der Gosse blieb ihm erspart. Sie bogen in eine enge Seitengasse ein, die Häuser ragten zu beiden Seiten hoch empor. Aus einem Weinkeller drang Gegröle herauf, an einem Eck unterhielten sich einige Dirnen miteinander, die die Hoffnung auf einen Freier für diese Nacht fast schon aufgegeben hatten. Er ignorierte die anzüglichen Bemerkungen, die sie ihm nachriefen.
»Hier wohne ich.« Sie hielten an einer kleinen Pforte, deren Farbe abblätterte, eines von diesen hohen, schimmelüberzogenen Häusern.
(Aus: Das Gift der Schlange)

Welche Gassen kannst du sehen, durch welche gehst du beim Lesen selbst durch? Und welche der drei findest du tatsächlich unheimlich?

Die Dosis macht das Gift

Ich mag Adjektive, aber ich mag sie in der richtigen Dosis. Wenn ein Text von lauter Adjektiven wimmelt, dann verwässern sie und können ihre Wirkung nicht mehr voll entfalten. Und so ist auch Mark Twains Aussage zu lesen. Wenn man ihn zitiert, dann sollte man es vollständig tun, den Originaltext kannst du auf Mark Twain Project einsehen:

When you catch an adjective, kill it. No, I don’t mean that, utterly, but kill the most of them then the rest will [be] valuable. They weaken when they are close together, they give strength when they are wide apart. An adjective-habit, or a wordy, diffuse, or flowery habit, once fastened upon a person, is as hard to get rid of as any other vice.
(Mark Twain an D. W. Bowser, 20. März 1880)

Du siehst, auch Twain hält Adjektive für potenziell wertvoll. Und wie das mit dem zweiten Teil aussieht, wie eng oder weit Adjektive beisammen stehen sollten, darum kümmern wir uns nächste Woche.

Bis dahin drehe jedes Adjektiv zweimal um und prüfe, ob es im Text fehlen würde oder nicht. Aber das gilt ja nicht nur fürs Adjektiv, das Prinzip kennst du schon auch schon von ganzen Szenen.

Und wie immer: Tauche ein in dein Abenteuer. Viel Spaß beim Schreiben!

ls-unterschrift

 

Bild: © offstock – Fotolia.com