Wie gut knetest du deinen Text? – Die Kunst des Überarbeitens

Was ist für dich der schwierigste Teil am Schreiben? Für mich ist es eindeutig das Überarbeiten. Den Text noch einmal und noch ein zweites und sogar ein drittes Mal durchgehen, um alles Überflüssige zu streichen.

Was Controller über Reserven wissen

In meinem früheren Leben, bevor ich mich ganz dem Schreiben widmete, war ich Controller. Als Controller bist du unter anderem fürs Budget einer Firma zuständig, du setzt dich mit den Abteilungsleitern zusammen und planst, wie das nächste Jahr oder ein Projekt aussehen wird. Nun sind ja Abteilungsleiter nicht blöd, die wissen genau, dass ihre Soll- mit ihren Ist-Zahlen verglichen werden, und bauen sich Reserven in das Budget ein, um auf der sicheren Seite zu sein.

Die Transportabteilung war schlauer als jeder Autor

Ich arbeitete in einem großen Museum, und wenn wir eine Ausstellung vorbereiteten, mussten wir die Versicherungswerte berechnen, die Kosten für den Ausstellungsaufbau, die Katalogkosten, die Transportkosten usw. In einem Kulturbetrieb ist das Budget immer zu knapp, es muss immer gespart werden, du wirst also gelobt, wenn du sparst und geschimpft, wenn du das Budget überschreitest. Also planten die Kollegen meistens zu viel ein, um Verhandlungsspielraum zu haben und relativ stressfrei ihr Lob zu kassieren. Und sie wussten ganz genau, was sie tun und wo sie nachlassen konnten!

Überarbeiten heißt, die Luft herauszukneten

Als Controller hatte ich die Spitzenaufgabe, diese Reserven zu finden und im sogenannten Knetungsgespräch die Luft rauszunehmen, damit das Management mit realistischen Zahlen arbeitet und weiß, wohin der Hase tatsächlich läuft. Denn Reserven einbauen ist nicht böse, das ist menschlich und passiert ganz automatisch.

Mit deinem Text ist es nicht anders. Auch da ist in der Rohfassung jede Menge Luft drin, die du erst mal finden und herauskneten musst. Doch im Gegensatz zu den Logistikern weißt du als Autor nicht einmal, dass du diese Reserven hast.

Zufallsfunde beim Schreiben

Wenn ich einen Roman schreibe, gehe ich üblicherweise so vor: Zunächst plotte ich. Dann schreibe ich eine Szene, und da meine Figuren zum Eigenleben tendieren, kommt es oft zu Überraschungsergebnissen. Sie halten sich im Wesentlichen an den Plot, darauf passe ich schon auf, aber auf einmal stehen da spannende Nuancen im Text, die absolut etwas hergeben und mich zu Subplots inspirieren. Plötzlich auftauchende Requisiten sind hierfür ein gutes Beispiel, und aus so manchem Einfall wurde im fertigen Text ein Leitmotiv.

Der Rohtext erzeugt den Flow

Im Rohtext achte ich nur am Rande auf sprachliche Finessen, im Rohtext erlebe und genieße ich den Flow, der Kreativität freisetzt. Klar frage ich mich, wie ich eine bestimmte Stimmung ausdrücken kann oder wie eine Figur einer anderen plausibel antwortet. Doch im Rohtext läuft das meiste nach Gefühl ab. (Ein Grund mehr, warum du deine Figuren fühlen musst.) Und auch für den Rhythmus brauche ich Schwung, muss sozusagen selbst in Schwingung sein.

Das erste Überarbeiten erfolgt am Morgen danach

Ich haue also fleißig in die Tasten und fabriziere eine wunderbare Szene. Am nächsten Tag lese ich diese Szene noch einmal durch, um mich auf den Text einzustimmen und in die Erzählwelt einzutauchen, bevor ich weiterschreibe. Dabei fällt mir hier eine schlechte Formulierung auf und dort eine Wortwiederholung, Rechtschreib- und Tippfehler sowieso, und aus dem Rohtext wird der erste Entwurf.

Die Luft ist noch lange nicht draußen

Jetzt habe ich einen sprachlich sauberen Text, aber ich bin noch viel zu nahe dran, um alle Reserven zu erkennen. Jedes einzelne Wort scheint mir Gold wert, in jeden Satz bin ich verliebt! Das ist auch noch so, wenn ich ein Kapitel fertig habe. Da gehe ich zwar noch einmal drüber, um sprachlich zu glätten, und dann erst schicke ich das Kapitel an meine Testleser. Mit denen bespreche ich die Plausibilität von Figuren und Handlungen, und sie weisen mich darauf hin, wenn ihnen eine Erklärung fehlt oder eine Annahme unverständlich bleibt. So weit so gut.

Jetzt geht es den Wörtern an den Kragen

Alle Szenen und Kapitel sind vermengt, besprochen und zu einer Geschichte aneinandergereiht, und jetzt gehst du den Text noch einmal durch. Nun geht es ans Eingemachte, an die überflüssigen Wörter. Diesen Durchgang machst du am besten nicht auf dem Computer sondern auf Papier, denn da kannst du streichen ohne sofort zu löschen, außerdem liest es sich anders. In diesem Durchgang knete ich die Luft der Adjektive und Adverbien raus, der Füllwörter und Konjunktionen. Hier frage ich mich, ob ich ein Wort brauche oder nicht. Was für den Text nicht notwendig ist, kommt weg.

Und manchmal schieße ich übers Ziel hinaus

Wenn ich im Museum dem Direktorium oder dem Vorstand die gekneteten Zahlen präsentierte, wollten sie sie noch einmal drücken. Da wurde Sparen zum Selbstzweck und mit dem Realismus ging auch gleich der Blick auf die Sache verloren. Dieselbe Gefahr besteht bei unseren Romanen. Die Gefahr beim radikalen Überarbeiten ist, dass du dabei auch Stimmungen killst und der Text zu nüchtern wird. Komprimiert ist gut, zu sachlich nicht. Allenfalls in einer Bedienungsanleitung oder einem wissenschaftlichen Text, aber wir brauchen ja Raum für Emotion und Vorstellungskraft.

Deshalb ziehe ich die Überarbeitung auf Papier vor, da ist noch nichts verloren. Seit kurzem arbeite ich zwar mit Scrivener, wo ich vor der Überarbeitung Schnappschüsse machen kann, aber wie weit mir das die Papierfassung ersetzt, kann ich dir noch nicht sagen.

Juchu, fertig?

Na endlich, aber jetzt ab in den Druck oder hochgeladen aufs E-Book. Oder zumindest ins Lektorat.

Nein, halt, bitte nicht! Denn was du jetzt hast, ist ein Entwurf, aber noch kein Roman.

Hast du einmal Vanillekipferl gebacken? Dann weißt du, dass du den Teig erst zusammenmischst und knetest, dann rasten lässt, und bevor du die Kipferl formst, kleine Portionen noch einmal knetest. Frag mich nicht, warum das bei den Vanillekipferln so wichtig ist, aber beim Text ist das ein absolutes Muss.

 

Der Vanillekipferlteig rastet eine halbe Stunde, dein Text am besten ein halbes Jahr. Ja, ich weiß, das erscheint dir jetzt unglaublich viel. Du willst doch endlich wissen, was die Welt zu deinem Buch sagt!

Vor dem richtigen Überarbeiten brauchst du Abstand

Der Haken ist, dass du immer noch zu nahe an deinem Text dran bist. Um ihn nüchtern betrachten zu können, muss Zeit vergehen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich während des Probelektorats um jedes Wort feilschte, mordsmäßig zornig auf meinen unmöglichen Lektor und Erbsenzähler war. Als der Text jedoch abgelegen war, erkannte auch ich die überflüssigen Stellen.

Jetzt kannst du ganze Szenen eliminieren

Wenn du Distanz zu deinem Text hast, siehst du, was für die Handlung unwichtig ist. Jetzt erkennst du den Unterschied zwischen einem netten Einfall und einem Leitmotiv, zwischen einer Abschweifung und einem Nebenstrang, der die Haupthandlung ergänzt. Und wenn du fünfhundert Seiten geschrieben hast, dann kürzt du den Roman viel leichter um fünfzig bis siebzig Seiten, als wenn du von mühsam erkämpften hundert Seiten zehn opfern sollst.

Die letzte Überarbeitung ist dann nur mehr ein Klacks, die ist nur mehr zum Glätten und für den sprachlichen Feinschliff da. Und falls du mit einem Lektor arbeitest, sparst du viel Zeit, Geld und Nerven, wenn du alle Schritte bis hierher sorgfältig erledigt hast. Vielleicht macht er dir noch andere Vorschläge, aber jetzt kannst du zumindest begründen, warum du etwas so lassen willst oder ändern kannst. Und wenn du ohne Lektor arbeitest, dann ist dieser Knetungs- und Überarbeitungsprozess geradezu Pflicht!

Flow und Geduld

Für einen guten Roman brauchst du beides, den Flow zu Beginn und am Ende die Geduld und Disziplin, ihn sauber fertigzustellen. Du kannst ja in der Zwischenzeit mit dem nächsten Roman beginnen, auch das stellt Abstand her. Aber jetzt weißt du auch, warum ich von Schnellschüssen nichts halte. Am Gift der Schlange arbeitete ich insgesamt achtzehn Monate. Hätte ich es nach den ersten zwölf oder gar sechs für beendet erklärt, wäre das ein mittleres Desaster 😉

Geduld ist nicht gerade mein zweiter Vorname, und vielleicht gehörst auch du zu den Leuten, die es immer eilig haben. Dann achte mal darauf, wie viel Lust auch das Überarbeiten machen kann. Ergötze dich an der Sprache und am Wortspiel, lass dich vom Rhythmus mitreißen und beglückwünsche dich zu jeder gelungenen Passage. Auch Überarbeiten kann Spaß machen.  Wie wir in meiner Familie die weltbesten Vanillekipferl machen, so kannst du deinen Text zu einem Spitzenroman kneten. Luft raus – rasten lassen – nochmals Luft raus. Und am Ende steht pures Lesevernügen!

Welcher Teil im Knetungsprozess fällt dir besonders schwer? Verrate es uns doch unten im Kommentar!

Alles Liebe und viel Erfolg beim Kneten

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Bild: © luchot – Fotolia.com

 

 

By |2017-03-20T18:52:01+00:00Juni 19th, 2015|Categories: Was noch dazugehört|Tags: |

About the Author:

Barbara Drucker ist Schriftstellerin und Schreibcoach. Sie schreibt historische Thriller und Gay Romantic Suspense und zeigt dir, wie auch du ausgezeichnete Romane und Pageturner schreibst, die deine Leser verschlingen.