Vergiss den Oberlehrer

„Kann es wirklich der einzige Zweck von Literatur sein zu unterhalten, und was ist mit dem Bildungsauftrag?“ Warum ich nach wie vor ein Verfechter der anspruchsvollen Unterhaltungsliteratur bin.

Du hast keine Gelegenheit, dir ein Video anzuschauen oder es ist einfach nicht dein Medium? Macht nichts, denn hier findest du die

Zusammenfassung

Kann der Zweck von Literatur wirklich nur mehr sein, zu unterhalten? Was ist mit dem Bildungsauftrag? Solche Fragen erreichten mich in letzter Zeit gehäuft. Auf Facebook, in Leserbriefen und neulich bat mich sogar jemand, dazu einmal einen Quicktipp zu bringen. Die Frage hat nichts mit Werteverfall oder der kurzen Aufmerksamkeitsspannen im digitalen Zeitalter zu tun. Sie ist so alt, wie unsere Kultur. Schon im alten Rom wurde sie gestellt, und Horaz stellte fest, dass Dichter entweder nützen oder unterhalten wollen. Aut prodesse volunt aut delectare poetae. Was bedeutet das nun für deinen Roman? Du musst ein paar Entscheidungen treffen.

Ganz am Anfang steht die Entscheidung über deine Zielgruppe. Willst du Leser ansprechen, die ihre eigenen Ansichten mit jeder Lektüre bestätigt sehen wollen, oder richtest du dich an Leser, die sich gerne neuen Sichtweisen stellen und etwas dazulernen wollen? Das ist vielleicht eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen Trivialliteratur und anspruchsvoller Unterhaltungsliteratur, von Hochliteratur sowieso. Willst du das etablierte Wertesystem bedienen, oder willst du etwas hinterfragen und eine Botschaft vermitteln?

Ich gebe dir ein Beispiel aus meiner eigenen Schreibpraxis: Vorigen Monat veröffentlichte ich »Auf den Hörnern des Stiers«. In der Geschichte geht es um einen Torero, und mir war während des Schreibens wohl bewusst, dass der Großteil der deutschsprachigen Leser ein Problem mit dem Stierkampf hat. Folgerichtig regten sich dann die Liebhaber von Trivialliteratur über das Thema auf und beklagten außerdem, dass die spanischen Ausdrücke die Lektüre erschwere. Meine Kernzielgruppe reagierte hingegen ganz anders darauf, denn die erwartet sich anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur. Diese Leser schätzten die authentische Atmosphäre, die überraschende Denkweise des Matadors und die auf seine Weise ehrenhafte und dem Tier gegenüber respektvolle Einstellung. Die Frage ist nicht, was davon besser oder schlechter ist, die Frage ist, für wen willst du schreiben.

Die zweite Entscheidung, die du treffen musst, betrifft die Kernbotschaft. Ob du es willst oder nicht, du vermittelst mit jedem Roman Werte. Versuche, für dich eine Kernaussage zu formulieren. Wenn Leser nur eine einzige Sache aus dem Roman mitnehmen, welche Botschaft sollte das sein? Das ist die These, die du durch deine Geschichte beweist. In meinen Geschichten geht es zum Beispiel immer um ehrenhaftes Verhalten, ein Plädoyer für Größe, Heldentum und um Respekt.

Und damit sind wir bei der dritten Entscheidung: Nutzen oder unterhalten? Im 18. Jahrhundert wird die Frage anders beantwortet als in der Antike. Gerade in einer Zeit, in der Lernen, Bildung und Nutzen enorm wichtig werden, fordern die Vorreiter der Literatur prodesse et delectare, also nutzen und unterhalten. Denke mal zurück an deine Schulzeit, wo Lernen auf der Tagesordnung stand. War das lustvoll? Hast du gerne gelernt? Was spricht dich mehr an? Wenn jemand dich oberlehrerhaft zutextet, dir sein enzyklopedisches Wissen ungefragt aufs Auge drückt und sich als Wissender oder gar als Missionar aufspielt? Oder wenn genau dieselben Informationen gefällig verpackt sind. Figuren die Werte des Autors verkörpern und du mit diesen Charakteren mitfieberst. Wenn sich der Lernstoff oder die Botschaft zwischen den Zeilen in dein Bewusstsein schleichen und du dir deine Meinung selbst bilden darfst.

Ja, ich bin der Meinung, dass Literatur einen ethischen Zweck und einen Bildungsauftrag hat. Ich finde auch, dass du als Autor das Recht hast, eine Lanze für deine Werte zu brechen und versuchen sollst, die Welt durch dein Schreiben ein wenig besser zu machen. Und ich bin absolut überzeugt, dass du den Bildungsauftrag und den moralischen Anspruch am besten und wirkungsvollsten durch Unterhaltung erfüllst.

By |2018-09-07T11:04:30+00:00September 7th, 2018|Categories: Vlog|Tags: , |

About the Author:

Barbara Drucker ist Schriftstellerin und Schreibcoach. Sie schreibt historische Thriller und Gay Romantic Suspense und zeigt dir, wie auch du ausgezeichnete Romane und Pageturner schreibst, die deine Leser verschlingen.